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WERTBEITRAGSANALYSE

Lesen Sie hier, warum LeseWelten einen bedeutsamen gesellschaftlichen Nutzen stiftet

 

Wertbeitragsanalyse

 

KOMMENTIERUNG

 

Gute, problemlösende Wirkung für die Gesellschaft zu entfalten, ist der Anspruch jeder gemeinnützigen Organisation. Doch nur relativ wenige legen ihrem Handeln tatsächlich ein aus Wirkungszielen abgeleitetes Konzept zugrunde. Und noch viel weniger stellen sich der Herausforderung, die Plausibilität des Konzeptes und das Potenzial der Praxis einer Prüfung zu unterziehen. Die Kölner Freiwilligen Agentur hat sich vor einigen Jahren auf diesen Weg begeben, auf dem ich sie immer wieder mal beratend begleiten durfte.

Nun liegt für die Vorleseinitiative LeseWelten, einem Eigenprojekt der Kölner Freiwilligen Agentur, das Ergebnis für den gesellschaftlichen „return on investment“ (SROI), also für den geldwerten Nutzen, der für die Gesellschaft gestiftet wird, vor: Jeder eingesetzte Euro bringt gemäß der fundierten Schätzung in etwa den zehnfachen Nutzen.

Ist dieses Ergebnis solide? Ich finde ja. Das Vorgehen der engagierten Studentinnen, die diese Analyse und Schätzung erarbeitet haben, war systematisch und transparent, baut auf vorliegenden wissenschaftlichen Studien auf und ist in den jeweiligen Annahmen konservativ.

Diese Einschätzung deckt sich weitgehend mit den Rückmeldungen von vier Kollegen aus anderen Beratungs- und Evaluationsunternehmen, denen ich die Analyse mit der Bitte um eine kritische Rückmeldung vorgelegt habe. Demnach ist die „Übertragung der verwendeten Studien auf LeseWelten transpartent und so machbar.“ Der Wertbeitrag wurde „nicht aggressiv, sondern eher am unteren Ende der Interpretationsmöglichkeiten“ angesiedelt. Einen Kollegen hat die Lektüre sogar dazu motiviert, seinen Kindern zukünftig mehr vorzulesen.

Eine kritische Rückmeldung war von der Grundsatzkritik am SROI-Ansatz geprägt, wie sie sicher auch im gemeinnützigen Sektor verbreitet ist: Mit dem Ansatz werde eine Genauigkeit suggeriert, die nicht gegeben sei. Und man begebe sich damit als Organisation auf ein Spielfeld, in dem man langfristig nur verlieren könne. Man befeuere die Ökonomisierung der sozialen Arbeit, indem man versuche, alle Tätigkeiten und Teilaspekte monetär abzubilden. Dem möchte ich entgegnen: Es wurde mitnichten versucht, alle Tätigkeiten und Teilaspekte von LeseWelten monetär abzubilden. Im Gegenteil.

Wer den ökonomischen Weg geht, externe Finanziers (Öffentliche Hand, Stiftungen, Unternehmen, SpenderInnen ...) zu akquirieren, sollte sich auch der Übung unterziehen, der Frage nach dem für die Gesellschaft zu schaffenden geldwerten Nutzen nachzugehen. Dabei versteht sich von selbst, dass sich nicht alle faktisch erreichbaren bzw. erreichten Wirkungen identifizieren, zuschreiben und dann auch noch quantifizieren lassen. Und so, wie sich nicht alles Notwendige für eine gesellschaftliche Entwicklung mit Geld bewirken lässt, so ist auch nicht alles Bewirkte in Geld darstellbar.

Der für LeseWelten ermittelte geldwerte Nutzen für die Gesellschaft kann und soll auch nicht dazu dienen, das weitere Wirken mit Krediten zu finanzieren und aus zukünftigen Erträgen für die Gesellschaft zu refinanzieren, wie es sich in der Landespolitik manche für die Finanzierung heutiger Bildungspolitik vorstellen. Der ermittelte SROI gibt LeseWelten aber die Möglichkeit – wie es ein Kollege formulierte –, „an rein qualitative Beschreibungen eine Zahl dranzuhängen“ und so eine Vergleichbarkeit herzustellen mit alternativen Maßnahmen, die auf das gleiche Bildungsziel ausgerichtet sind.

Also: Wer nur sein eigenes Geld einsetzt, braucht eine solche Analyse nicht. Wer anderer Leute Geld mit dem Versprechen einwirbt, hiermit Gutes für die Gesellschaft zu bewirken, muss sich um Belege kümmern. Und dies hat LeseWelten getan. Mein Glückwunsch!

Dieter Schöffmann

Inhaber von VIS a VIS Beratung – Konzepte – Projekte  (für wirksame Maßnahmen in der Gesellschaft)

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Wertbeitragsanalyse

 

ENTSTEHUNG

 

Das eigentliche Vorlesen findet zwar unentgeltlich durch die 180 Vorleserinnen und Vorleser statt. Aber ihre Gewinnung, Qualifizierung und Begleitung, die Durchführung von Elternworkshops, die Organisation längerfristig zu garantierender wöchentlicher Vorlesestunden für die Kinder und einiges mehr erfordern eine Personalleistung, die nicht rein ehrenamtlich zu erbringen ist. Daher war und ist das Ziel von LeseWelten, die bisherigen Spenden- und Fördereinnahmen zu stabilisieren und zu erhöhen, um noch mehr Kindern vorlesen zu können. Dies gelingt um so besser, je klarer die gesellschaftliche Rendite aufgezeigt werden kann.

Die hierfür erforderliche Analyse durchzuführen, überstieg jedoch die Möglichkeiten der Kölner Freiwilligen Agentur. Daher war es umso erfreulicher, dass sich im Rahmen des ServiceLearning-Programms der Universität zu Köln fünf Studentinnen bereit erklärten, die Wertbeitragsanalyse durchzuführen: Man Zou, Julia Klinger, Jana Tatscheck, Doreen Michalk und Heike Matusche (Studienschwerpunkte u.a.: Bachelor BWL, Master Soziologie & Empirische Sozialforschung, Bachelor Ethnologie, Linguistik & Phonetik). Unterstützt wurden sie hierbei von dem Dozenten Dr. Dennis Klinkhammer.

Fachlich begleitet wurde diese ServcieLearning-Gruppe von Dr. Susanne Klinkhamels, Projektleiterin für LeseWelten bei der Kölner Freiwilligen Agentur und Dieter Schöffmann, der mit seiner Firma in Fragen der Wirkungsorientierung gesellschaftsbezogener Maßnahmen berät und immer wieder pro bono LeseWelten unterstützt.

Für das methodische Vorgehen diente die Wertbeitragsanalyse als Vorbild, die von PricewatehouseCoopers auf Pro bono-Basis für das DialogMuseum in Frankfurt in 2014/2015 durchgeführt wurde (dialogmuseum.de/2015/03/10/wertbeitragsanalyse).

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Wertbeitragsanalyse

 

VORLESEN WIRKT

 

Einschlägige empirische Studien der Stiftung Lesen belegen: Kinder profitieren von regelmäßigen Vorleseritualen.

Langfristig erhöht sich ihre Lesekompetenz. Sie haben insgesamt mehr Spaß am Lesen und entwickeln eine positive Einstellung gegenüber Büchern. Sobald sie selbst lesen können, lesen sie häufiger und länger als Kinder, denen nicht vorgelesen wurde. Dem typischen Leseknick während und nach der Pubertät kann so vorgebeugt werden.

Die Sprachentwicklung und das phonologische Bewusstsein setzen früher ein, was das Hörverstehen, die Sprachkompetenz und die Lese- und Schreibfähigkeit positiv beeinflusst.

Die Lust am Lernen steigt. Kinder, denen früh und regelmäßig vorgelesen wird, gehen später insgesamt lieber zur Schule als ihre Mitschüler, denen nicht vorgelesen wurde. Und durch die besser ausgebildeten kognitiven Fähigkeiten und die höhere Lesekompetenz sind die späteren Schulnoten signifikant besser und das nicht nur in Deutsch oder anderen Sprachen. Kinder aus bildungsfernen Familien können sogar kognitive Leistungsdifferenzen zu Kindern aus bildungsnahen Familien reduzieren.

Die Persönlichkeitsentwicklung erhält förderliche Impulse. Die Kinder sind im Vergleich mutiger, fröhlicher, selbstbewusster und lebhafter als Kinder, denen nicht regelmäßig vorgelesen wurde. Dies wirkt sich bis ins Erwachsenenalter aus.

LeseWelten wirkt – über die Kinder hinaus – auch für Eltern, die Vorleserinnen und Vorleser und die Bildungseinrichtungen, in denen vorgelesen wird.

Eltern erhalten in Workshops Impulse für das eigene Vorlesen. Dies beeinflusst Eltern stärker und beständiger als Initiativen, die das Vorlesen nur indirekt etwa durch das Verteilen von Büchern anregen.

Die bürgerschaftlich engagierten Vorleserinnen und Vorleser schenken nicht nur ihre Zeit und (Vor-)Lesefreude. Sie erhalten aus den Vorlesebegegnungen auch viel zurück an Dank, Bestätigung und Sinn. Dies sind Erfahrungen, die sich auf ihre Lebenszufriedenheit bis hin zu ihrer Gesundheit auswirken können.

Bildungseinrichtungen, in denen LeseWelten aktiv ist, erfahren eine sinnvolle Bereicherung ihres Bildungsangebotes, die sie in dieser besonderen Qualität des Schenkens selbst gar nicht so einfach bieten könnten.

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GESELLSCHAFTLICHE RENDITE

 

LeseWelten hat seit 2004 von vielen Menschen und Institutionen eine persönliche und finanzielle Unterstützung erfahren, damit möglichst vielen Kindern in Köln vorgelesen wird. All diese Unterstützer taten und tun dies aus dem Gefühl, dass sich ihr materieller Beitrag durch LeseWelten in seiner Wirkung für die Kinder wie für die Gesellschaft vervielfältigt.

Zu diesem Gefühl gesellt sich nun die Gewissheit: Der geldwerte Nutzen für die Gesellschaft, den das Vorlesen erreicht, übersteigt den Aufwand, den Spenderinnen, Spender und Förderinstitutionen finanzieren, um ein Vielfaches: Die Analyse des möglichen finanziellen Wertes, den LeseWelten für die ­Gesellschaft schafft, kommt zu dem Ergebnis, dass

bei der Berücksichtigung aller – gemäß einschlägiger Studien realistischen - Wirkungen des Vorlesens im Jahr des Vorlesens sowie in den Folgejahren der Entwicklung des Kindes jeder eingesetzte Euro einen gesellschaftlichen Nutzen von bis zu rund 16 Euro stiften kann.

bei der Herausnahme jeweils einzelner relevanter Nutzenfaktoren immer noch ein gesellschaftlicher Nutzen von um die zehn Euro angenommen werden kann.

bei der äußerst reduzierten Annahme einer Wirkung des Vorlesens nur im ersten Jahr und einer Halbierung der durch Studien belegten grundsätzlichen Wirksamkeit um die Hälfte für jeden eingesetzten Euro immer noch ein gesellschaftlicher Ertrag von 1,62 Euro anzunehmen ist.

Dieser Berechnung wurde längst jeder Nutzen zugrundegelegt, der dem Vorlesen zugeschrieben werden könnte, da sich nicht jede Wirkung (z.B. in der Persönlichkeitsentwicklung) quantifizieren lässt und weil die Ressourcen für entsprechende empirische Untersuchungen nicht zur Verfügung standen. Die genannten Berechnungsergebnisse basieren daher nur auf folgenden Ausgangsdaten:

Gesamtaufwand für LeseWelten (Personal- und Sachkosten) in 2014: 40.313,54 €

630 Kinder aus bildungsferneren Familien, denen innerhalb eines Jahres mindestens ein halbes Jahr lang jede Woche eine Stunde durch LeseWelten-Freiwillige vorgelesen wurde

Wirkungen für diese 630 Kinder, deren Geldwert für die Gesellschaft jeweils mit einem konservativ berechneten Anteil ermittelt wurde:

Kinder: Höhere Lesekompetenz | besserer Schulerfolg | langfristiger individueller Nutzen

Kinder & Familie: Mehr Kommunikation und Austausch im Familienalltag

Staat: Einsparung der Folgekosten aufgrund geringer Bildung für die Öffentlichen Haushalte (nur mit einem sehr geringen Anteil eingerechnet)

Zur Einschätzung des geldwerten Nutzens des Vorlesens sowie zur jeweiligen finanziellen Bewertung wurden vor allem einschlägige Studien der Bertelsmann Stiftung und der Stiftung Lesen zugrundegelegt sowie im Wesentlichen die „Social Return on Investment (SROI)“-Analyse der britischen Initiative Bookstart, die ebenfalls Leseförderung durch Vorlesen betreibt und somit relevante Parallelen zu LeseWelten aufweist.

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Wertbeitragsanalyse

 

MITWIRKENDE

 

Initiator & Begleiter: Dieter Schöffmann

Ermöglicher: Professional Center der Universität zu Köln – Träger des ServiceLearning-Programms der Uni Köln

ServiceLearning-Gruppe: Die engagierte Gruppe: Man Zou | Julia Klinger | Jana Tatscheck | Doreen Michalk | Heike Matusche

Der begleitende Dozent: Dr. Dennis Klinkhammer

LeseWelten-Expertise: Dr. Susanne Klinkhamels

Förderer des ServiceLearning-Programms und der Veröffentlichung dieser Broschüre:

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Julia Klinger und Man Zou: Wertbeitragsanalyse für LeseWelten. Köln 2016

Der vollständige Bericht zur Vorgehensweise, den verwendeten Quellen, den Bewertungskriterien, den Berechnungsmethoden und den Ergebnissen der Wertbeitragsanalyse kann als PDF-Datei von der Website der Kölner Freiwilligen Agentur heruntergeladen werden: www.koeln-freiwillig.de/jahresbericht2015

 

Verwendete Studien – Diese und weitere Studien wurden für die Wertbeitragsanalyse ausgewertet:

Bertelsmann Stiftung: Warum Sparen in der Bildung teuer ist. Folgekosten unzureichender Bildung für die Gesellschaft. | Unzureichende Bildung: Folgekosten für die öffentlichen Haushalte. | Ausgaben für Nachhilfe – teurer und unfairer Ausgleich für fehlende individuelle Förderung.

Just Economics: Bookstart 2009/10 – A Social Return on Investment (SROI) Analysis.

Ehmig, Simone C. & Timo Reuter: Vorlesen im Kinderalltag. Bedeutung des Vorlesens für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen und Vorlesepraxis in den Familien

Stiftung Lesen: Die Bedeutung des Vorlesens für die Entwicklung von Kindern. | Neuvermessung der Vorleselandschaft. | Vorlesen macht Familien stark. | Vorlesen – Investition in Mitgefühl und solidarisches Handeln | Lesefreude trotz Risikofaktoren