DAS VORLESEN IM WANDEL DER ZEIT

Analog? Oder doch besser digital? Nicht nur im Rahmen von LeseWelten verändert sich das Rezeptionsverhalten der Kinder immer mehr. Unter Experten ist längst eine lebhafte Diskussion darüber entbrannt, wie das sinkende Leseverständnis hierzulande am wirkungsvollsten bekämpft werden kann. Die Frage lautet: Ist das gute alte Buch noch gut genug?

 

Malte Maulwurf sieht schlecht. Malte Maulwurf sitzt auch viel rum und macht eigentlich immer dasselbe. Er starrt auf ein Aquarium. Malte Maulwurf ist eher ein bemitleidenswerter Typ. So scheint es zunächst. Doch Malte Maulwurf, die Fantasiefigur aus dem gleichnamigen Kinderbuch, ist gleichzeitig auch ein Vehikel, um die Welt ein Stückchen besser zu machen. Er ist Teil einer Geschichte, die Ulrike Zilligen regelmäßig Kindern in Kitas vorliest. Zilligens Ziel ist es, den Kindern die Begeisterung für Geschichten zu vermitteln. Malte Maulwurf hilft ihr dabei.

Die 29-Jährige ist Vorleserin bei LeseWelten, einem Projekt der Kölner Freiwilligen Agentur, das 2004 gegründet wurde – als Reaktion auf die verheerenden Lesedefizite, die die Pisa-Studie offenbarte. 180 ehrenamtliche Vorleserinnen und Vorleser bringen nun in 50 wöchentlich stattfindenden Vorlesestunden in Kitas, Grundschulen, Bibliotheken, Flüchtlingswohnheimen und Museen Kindern die Welt der Bücher näher. Vor allem jenen, die sonst eher keinen Zugang dazu haben und in sozialen Brennpunkten leben.

Wie an diesem frühsommerlichen Vormittag in einer Kita in Köln sitzt dann eine Gruppe von Kindern zusammen und lauscht andächtig der Vorleserin. Alle befinden sich in einem abgetrennten Raum der Kita, die Kinder sollen sich auf die Geschichte konzentrieren können. Während Zilligen liest, liegen ein paar der Kinder auf dem Bauch und schauen sich die bunten Bilder auf den Buchseiten an, andere hocken auf den Stufen einer kleinen Empore. Alle verfolgen aufmerksam und begeistert die Vorlesestunde. Zilligen mag es zu interagieren, sie fragt: „Wer kann den Stein entdecken?“ Die Kinder gehen zum Buch und zeigen darauf, der blonde Niklas ruft: „Ich hab ihn als Erster entdeckt!“

Um solche Reaktionen geht es bei LeseWelten: Die Kinder sollen begeistert werden für das Lesen. Sie, die sonst kaum mit Büchern in Berührung kommen, sollen an die Magie herangeführt werden, die jeder Geschichte innewohnt. Viele Kinder wüssten noch nicht einmal, wie man von vorne nach hinten blättere und wie man mit einem Buch richtig umgehe, erzählt Ulrike Zilligen. Sie machten es zu Beginn einfach irgendwo in der Mitte auf und rissen an den Seiten. Den Kindern die Welt der Bücher zu öffnen ist das ambitionierte, kurzfristige Ziel der Kölner Freiwilligen Agentur.

Das langfristige Ziel von LeseWelten ist es, einen Teil dazu beizutragen, die bundesweiten Statistiken zu verbessern. Denn die Lesekompetenz in Deutschland ist immer noch, freundlich ausgedrückt, ausbaufähig. Nach einer Studie der Universität Hamburg sind 14,5 Prozent der Erwachsenen im erwerbsfähigen Alter funktionale Analphabeten und haben Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben.

„Dabei handelt es sich um ein nachwachsendes Problem, das nicht einfach verschwindet - die Zahl ist unter Kindern und Jugendlichen ähnlich hoch“, sagt Dr. Simone Ehmig, Leiterin des Instituts für Lese- und Medienforschung der Stiftung Lesen. „Die Gründe liegen oft in der Lesesozialisierung des Elternhauses. Die Kinder erfahren das Lesen nicht als wichtigen Bestandteil ihres Lebens. Es ist ein Teufelskreis.“ Dass da auch ein Stück Wahrheit dran sein dürfte, lässt sich an der ehrenamtlichen Vorleserin Ulrike Zilligen beobachten. In ihrem Elternhaus sei viel gelesen worden, weshalb sie mitbekam, dass das Lesen etwas Schönes sei, sagt sie: „Das hat sich verfestigt, bis heute.“

Das Problem, so zeigt sich in Studien zum Leseverhalten, liegt vor allem im Übergang vom Kindes- ins Jugendalter. Bei den 2- bis 5-Jährigen beschäftigen sich jeden oder fast jeden Tag 43 Prozent mit Büchern. Bei den 6- bis 13-Jährigen sind es nur noch 16 Prozent. Die Konsequenz daraus könnte auf einen Paradigmenwechsel hinweisen: Das gute, alte Buch muss sich dem Wandel der Zeit stellen.

Zwar wird es nicht aussterben, aber Grimms Märchen allein reichen nicht mehr aus, um Kinder und vor allem dann Jugendliche über einen längeren Zeitraum zu fesseln. Das Buch und das Lesen muss attraktiver gestaltet werden. „Mit der Zeit gehen, nah dran sein an den Anforderungen der Zeit“, sagt Simone Ehmig.

Die Lösungsansätze

 

DAS BUCH DER ZUKUNFT

 

Das Buch der Zukunft kann ganz unterschiedliche Formen annehmen. Bei Vorlesestunden der Kölner Freiwilligen Agentur ist der Wandel schon in vollem Gange, allerdings eher in analoger Form und mit Konzentration auf die Geschichte. Malte Maulwurf etwa denkt, er habe einen tollen HD-Fernseher, dabei ist es ein Aquarium. Wenige Kilometer weiter, in einer Grundschule, findet am selben Tag eine weitere Lesung statt. Inhalt der Geschichte: Das moderne Heinzelmännchen, das einen Computer besitzt und damit umzugehen lernt. Das Interesse der Kinder soll vor allem durch eine Verbindung zu ihrer Umgebung geweckt werden.

Die großen Verlage in Deutschland wie Fischer, Carlsen, Ravensburger oder Oetinger setzen ebenfalls weiterhin auf die Kraft der Bücher – und das werde auch so bleiben, heißt es. Allerdings: Die Verlage haben ebenfalls längst damit begonnen, den E-Book-Markt für Kinder zu erschließen. E-Books und vor allem Apps spielen in Deutschland zwar noch eine untergeordnete Rolle, werden aber zunehmend alltäglicher – und gerade im Kinderbuch-Sektor gilt es, einfallsreich zu sein. Eltern sowie Kinder wollen angesprochen werden: Eltern erwarten qualitativ wertvolle, meist auch pädagogische Inhalte, während Kinder in spielerischen Funktionen, Animationen und Klängen oder Musik Anreize finden.

Und die Industrie liefert, was von ihr verlangt wird: Die Apps erinnern heute teilweise eher an interaktive Animationsfilme und haben mit der Haptik eines Papp-Bilderbuches kaum etwas zu tun. Neben der Vorlesefunktion kann es Filmsequenzen, Animationen, Musik, kleine Spiele, Aufgaben oder begleitende Informationen geben. Der Oetinger-Verlag etwa zählte vor ein paar Jahren zu den Vorreitern, als es darum ging, neue Ideen für das moderne Buch zu entwickeln. Der Verlag hat hierfür das Konzept Tigerbooks ersonnen, ein Bookstore für alle mobilen Geräte. Als Highlights gibt es beispielsweise Zwischenfragen, die die Kinder zur Reflektion anregen und den Lerneffekt der Geschichte vertiefen sollen.

Und: Eltern können die Geschichte selbst einlesen, so dass sich das Kind in vertrauter ­Geborgenheit durch die Geschichte bewegen kann.

Die Frage aber ist: Wie weit darf die Digitalisierung gehen? Ist sie grenzenlos oder müssen Limits gesetzt werden, weil die Auswirkungen auf die Kinder eben nicht immer nur allzu positiv sind? Auf der Internetplattform YouTube gibt es zu diesem Thema ein besonders häufig angesehenes Video. Darin spielt ein kleines Kind zuerst mit einem Tablet, dann haut es ratlos auf einem Printmagazin herum: Die Bilder bewegen sich nicht, nichts öffnet sich, Seiten können nicht per Wischen gewechselt werden. Das Kind ist irritiert, ja fast schon enttäuscht: Ein Magazin ist offensichtlich kein interaktives Tablet. In den Kommentaren wähnen Kulturpessimisten das Lesen an sich in Gefahr, andere fragen, was die ganze Aufregung soll. Einjährige Kinder hauen eben auf allem rum.

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Die Stiftung Lesen schlägt sich in dieser Frage eher auf die Seite der zweiten Argumentation. „Den Ball flach halten“, sagt Susanne Ehmig dazu. Man sei ganz klar der Meinung, dass digitale Lesekonzepte nicht das traditionelle Buch zerstörten, sondern im Gegenteil sogar die effektive Lesezeit erhöhten. Beides könne nebeneinander existieren. „Der Lesebegriff ist vor allem hierzulande sehr stark printorientiert. Das kann aber kontraproduktiv sein. Wir müssen diesen Begriff vom Sockel holen und ausweiten“, bekräftigt Ehmig.

Nach Ansicht der Mainzer Forscher könnten die digitalen Angebote nämlich auch bildungsferne Schichten erreichen. Das gelingt mit dem klassischen Buch bislang kaum und hat gravierende Folgen: Kinder und Jugendliche, denen regelmäßig vorgelesen wird, sind im Durchschnitt zwischen einer Achtel- und einer Viertel- Schulnote besser als Gleichaltrige, die ohne regelmäßiges Geschichtenlesen auskommen müssen.

Die Aussichten

 

GRENZEN DER DIGITALISIERUNG

 

Digitale Vorleseangebote könnten laut Stiftung Lesen zudem helfen, Eltern zu erreichen, die sich mit gedruckten Büchern schwertun. Dies gilt beispielsweise für Väter, die als Lesevorbilder vor allem für Jungs wichtig sind. Die Position der Experten stützt sich vor allem darauf, dass Tablets und Smartphones in bildungsfernen Haushalten ebenso verbreitet sind wie in Familien mit hohen Bildungsabschlüssen. Darüber hinaus nutzen Eltern digitale Medien nicht, um gedruckte Bücher zu ersetzen, sondern ergänzend, um etwa unterwegs und in Situationen vorzulesen, in denen Bücher nur schwer verfügbar sind.

Apps, so viel scheint festzustehen, können die Vorlesesituation mit einer realen Person nicht ersetzen. Denn eine App oder auch ein Hörbuch antwortet nicht auf Zwischenfragen der Kinder, die für das Verständnis der Geschichte unter Umständen sehr wichtig sein können. Und auch ein Gespräch im Anschluss an die Geschichte ist nicht möglich. Ein allzu oft vergessener Aspekt des Vorlesens ist die Zeit, die ein ehrenamtlicher Vorleser den Kindern widmet. Eine Form der Zuwendung, die in unserer heutigen, schnelllebigen Zeit besonders wichtig ist und die die Kinder sehr zu schätzen wissen, wie die Vorleser von LeseWelten immer wieder berichten. Institutionen der außerschulischen Leseförderung wie etwa Bibliotheken, Freiwilligenagenturen oder Familienzentren sowie Vorleseinitiativen und das Engagement ehrenamtlicher Vorleserinnen und Vorleser spielen eine ganz besondere Rolle, so die Stiftung Lesen. Im Sinne der Leseförderung ist es wichtig, dass Kindern regelmäßig vorgelesen wird. Jedoch wird in zwei von fünf Familien nicht oder nur unregelmäßig vorgelesen.

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Dass sich die Fokussierung auf Digitales nachteilig auswirken kann, haben auch schon Neurologen und Psychologen erkannt. Die Neurowissenschaftlerin Maryanne Wolf von der Bostoner Tufts University etwa warnte bereits 2010 in einem Buch davor, der kindlichen Fantasie zu viel Hilfestellung geben zu wollen. In „Das lesende Gehirn“ schreibt sie, wenn das Gehirn nur auf seine mögliche Aufmerksamkeitsspanne hin zugeschnittene digitale Sequenzen serviert bekomme, falle die Konzentration auf das analoge Lesen irgendwann schwerer. Und: Die Fähigkeit, interpretierend zu lesen, leide zugunsten des informationsverarbeitenden Lesens.

Wie die Kinder in Zukunft lesen werden, welcher der beste Weg sein wird, ist momentan noch offen. Einig sind sich die Experten, dass das Buch nicht aussterben wird. „Lange hat man am Anfang des Jahrtausends gedacht, das Buch würde es schon bald nicht mehr geben ob der immensen digitalen Möglichkeiten“, sagt der Journalist Thomas Linden, unter anderem Jurymitglied des Deutschen Jugendliteraturpreises. „Dass es so nicht gekommen ist, sieht man heute. Es wird eine Mischung sein, wie genau verteilt, wird sich zeigen.“

Bei LeseWelten bleiben Bücher ohnehin die Nummer eins. Die daraus resultierende Fantasie und das gemeinsame Erleben sind das, was die Vorlesestunden ausmacht. Das Mitmachbuch etwa, das Ulrike Zilligen an diesem einen Vormittag mit in die Kölner Kita gebracht hat, ist das beste Beispiel.  Der kleine Mohammad drückt zum Beispiel auf einen Punkt auf einer weißen Seite, auf der nächsten Seite ist die Seite nicht mehr weiß sondern schwarz: In seiner Wahrnehmung war er es, der alles ganz allein dunkel gemacht hat. Valentino wiederum schüttelt das Buch kräftig: Die zuvor ordentlichen Punkte sind nun wirr durcheinander gewirbelt. Dann noch mal schütteln, dann ist es auf der nächsten Seite wieder ordentlich.

Die Kinder warten jedes Mal mit Spannung auf das Umblättern und das Ergebnis, was sie mit ihrer Aktion ausgelöst haben. Es ist nicht nur die Geschichte, die sie inspiriert, es ist auch das Selbstvertrauen, das ihnen mit solchen Aktionen vermittelt wird. In Endlosschleife ruft ein Kind nach dem nächsten voller Begeisterung: „Juhu, ich kann zaubern!“